Schnurklasse XY - Fall ungelöst

AFTMA-Klassen sind unbrauchbar! Ich erkläre dir warum

Schiers, 17.03.2020

PRoblem

Fliegenfischen am Pfäffikersee

Max Farcast ist ein leidenschaftlicher Fliegenfischer. Er braucht eine neue Fliegenschnur für seine altbewährte Lieblingsrute der Marke Schnittlauch.  Auf der schönen Gerte, welche er bereits 6 Jahre erfolgreich im Einsatz hat, findet er folgende Angaben: Schnittlauch SP, 690-4. Ausgeschrieben beudeutet das also: Modell SP, Schnurklasse 6, 9ft, 4-Teilig.

Streamer, Nymphen und Trockene braucht er gerne.  Am See sowie am Bach. Eine Allroundschnur sucht er also...
 Der schlaue Max schaut also online nach einer 6er Leine und wird fündig: Die Perception. Beschreibung des Anbieters:  Super Allround Fliegenschnur. Dank einem nicht zu langen Fronttaper lässt sie sich auch auf kürzere Distanzen schön werfen, und doch gibt das ausgeklügelte Taper Wurfbalance und Stabilität auf alle Distanzen.

"Perfekt", denkt sich Max und kauft sich für fast 100 Franken die Schnur. Nach zwei Tagen überreicht der Postbote das Paket und Herr Farcast installiert die Perception auf der Rolle. Perfektes Coating, schöne Farbe. Ab geht's ans Wasser!
1. Wurf mit der neuen Schnur.... und hmm, irgendwie stimmt da etwas nicht. "Eingewöhnungsphase" denkt sich Max und wirft nochmals. Die Schnur will einfach nicht richtig raus....Und das für 100 Kröten.

Was ist falsch gelaufen?! Kurz und Bündig: Die Schnurklasse hat der Schnur passt nicht zur Rute. Hä? Was? 6er Schnur auf 6er Rute? Das muss doch stimmen...

Nunja, das war früher so. Es gab tatsächlich mal Zeiten, als es nur wenige verschiedene Schnüre auf dem Markt gab. Die waren alle auch etwa gleich aufgebaut. Zur Übersicht wurde die AFTMA ins Leben gerufen; eine Schnurklassentabelle, welche genau festlegt, wie viel Gramm oder Grain eine Schnur in der klasse XY auf die Waage bringen soll.
Und nun kommt das Problem 1: für die ersten 9.15 Meter der Schnur.  (Klasse 6: 10 Gramm)

Zum Glück haben die Hersteller viel Forschungsarbeit im Bereich neuer Schnurtaper geleistet. Von der kurzen Keule (6 Meter) bis zur langen Keule (18Meter) findet darum Max hunderte verschiedene Schnüre auf dem Markt.  Das ist auch gut so. Mit etwas Glück findet Herr Farcast Angaben zur Schnur auf der Packung. Beispielsweise das Kopfgewicht (also die gesamten 18 Meter) oder das Gewicht der ersten 9.15 Meter. Wer wirft jedoch stets 9.15 Meter?

Als kurzer Vergleich möchte ich drei gute Schnüre mit deren Kopfgewicht und Keulenlänge nennen: 

  • Guideine Fario Elite, Klasse 6, 14g auf 10.6m Keule
  • Rio Gold In Touch, Klasse 6, 15.2g auf 14.6m Keule
  • Vision Stillmaniac, Klasse 6, 18.5g auf 15m Keule


Max wirft also auf einer Distanz von 15m zwischen 14 Gramm und 18.5 Gramm! Wo waren wir oben nochmals? 10 Gramm bei 9.15 Meter?! Come on, das stinkt doch bis auf die andere Seite des Flusses. Jeder Hersteller stellt seine eigene Schnurklasse nach Gefühl zusammen und empfiehlt dann die passende Combo. Marketing lässt grüssen.



Gemäss der AFTMA Zertifizierung wiegen die ersten 9.15 Meter einer 6er Fliegenschnur zwischen 9.9 und 10.4 Gramm. Lieber Leser dieses Beitrags: Google mal nach dem Wurfgewicht von modernen 6er Ruten. Wenn du überhaut etwas findest. dann bestimmt keine einzige Peitsche, welche 10 Gramm optimal wirft! Sprich: Moderne 6er Ruten werfen dank schneller Carbon-Harzverbindungen schon fast 18 Gramm. Wirft ein Anfänger solch eine Rute mit einer Standard 6er Schnur wird er nie, aber wirklich gar nie die Power des magischen Steckens spüren.

Augen auf

gewicht der fliegenschnur bestimmen

Die von uns belächelten Spinnfischer haben es schon lange erkannt. Das Wurfgewicht. Auf jeder Rute befindet sich eine Angabe in Gramm. 15-20 Gramm. Bei den Fliegenruten geht das auch. Einige Hersteller sind so ehrlich und schreiben diese Angaben sogar auf die Rute. Wunderbar: Klasse 6, 14-15 Gramm. So Kommt Max Farcast gar nicht erst auf die Idee, eine Schnur mit 20 Gramm Kopfgeweicht zu kaufen... Und falls sich keine Information auf der Rute befindet?
Dafür gibt diverse Messmethoden, welche dabei helfen, das Wurfgewicht von Fliegenruten zu bestimmen. Eine davon findest du hier. Resultierend daraus fische ich gerne mal eine 3er Rute mit einer 5er Schnur und bin höchst zufrieden damit.

Wer seine Rute nicht vermessen will, soll sich gescheit beraten lassen. Mit gescheit meine ich: Nimm die Rute mit in den Laden und drücke sie dem Berater in die Hand. Wenn dieser nicht fragt, wo und für was du die Combo brauchen wirst, geh in den nächsten Shop. Denn glaube mir: 6er Schnur ist nicht gleich 6er Schnur und 6er Rute ist nicht gleich 6er Rute. Und Max Farcast ist nicht gleich Max Shortcast. 

Kontaktiere mich , falls du Fragen zu deiner Combo hast oder du deine Rute vermessen möchtest. Ich helfe dir gerne weiter.

fliegenschnur mit köpfchen

Stockholm, 24.05.2020, 11:43

Let's talk about taper. Now! and not later

Das Taper einer Fliegenschnur ist wichtiger als du denkst! Lese in dieser Slideshow mehr darüber.

TAPER?!

Die Tapire (Tapirus) sind die einzige rezente Gattung der im Deutschen gleichnamigen Säugetierfamilie (Tapiridae) aus der Ordnung der Unpaarhufer (Perissodactyla). Diese Aussage ist nicht falsch, hat aber mit dem TapEr nichts zu tun. Taper ist englisch, wird als "teipär" ausgesprochen und bedeutet nichts anderes als Verjüngung. Da sich FLYTASTIC  mit dem Fliegenfischen befasst, sprechen wir hier also von der Verjüngung der Fliegenschnur.

Warum braucht es ein Taper?

Du wedelst deine Fliegenschnur nicht ohne Grund! Das Ziel ist die Beförderung deiner Fliege zum Fisch. Dafür bringst du durch pure Manneskraft Bewegung und Energie in deinen Stecken. Gebündelt wird diese Power dann über die Rutenspitze auf die Schnur gebracht. Wenn du mir nicht glaubst, nimm deine Peitsche und haue mal kräftig gegen die Wade deines Kameraden. 

Hast du schon einmal einen Hecht mit einer 14er Trockenfliege gefangen?! Ich jedenfalls nicht. Fliege ist nicht gleich Fliege. Vom Federlein bis zum halben Hühnchen vom Grill ist da so ziemlich alles dabei. Ausserdem wirfst du auch nicht jedes mal genau 12.57 Meter weit. All diese Faktoren haben einen Einfluss auf deine Fliegenschnur und deren Energieverteilung. Und genau darum sind verschiedene Taper entstanden. Welche Schnur du wann fischen solltest, kannst du später in diesem Beitrag lesen. Nun zeige ich dir zuerst, welche Arten von Taper es gibt und wofür diese entwickelt wurden.

whooly bugger mit soft hackles

DT- DOUBLE TAPER

Wir schreiben das Jahr 1969. Die Hippies kommen so richtig in Fahrt und Neil Armstrong schwingt seine Hüften auf dem Mond. Die Einführung der ersten verjüngten Fliegenschnur war nur ein sehr kleiner Schritt für Neil, ein riesen Schritt jedoch für den modernen Fischer.
Double Taper = Doppelt Verjüngt. Der Durchmesser des Belly's, auf deutsch Bauch genannt, wird daher am Anfang und am Schluss der Schnur auf einer Länge von ungefähr 7ft. (1ft. = 30.48 cm) reduziert. Bauch, Verjüngung, reduzuert?! Tönt wie aus der neusten Schönheitswahn-Werbung... Alles viel Geschwätz und viel Gelaber! Schau dir einfach das Bild von oben an und du verstehst was ich meine.

Wofür?!

Diese Schnur wird heute nur noch selten gefischt. Sie eignet sich gut für Rollwürfe und gemütliches, langsames Werfen mit Trockenfliegen am Bach. Sollte die Verjüngung am einen Ende mal beschädigt sein, kannst du die Schnur jederzeit umkehren. Sie wirft wieder wie zuvor.
Einsatzgebiet: Fischen mit Trockenfliegen am Bach oder schmalen Fluss.

WF- Weight Forward

Die Zeichnung wird nun ein wenig komplizierter. Folgendes muss kurz erwähnt werden: Bei der WF Schnur sprechen wir häufig vom Kopf und von der Running Line. Der Kopf enthält das Gewicht und somit die Power, deine Fliege nach vorne zu schmettern. Der Kopf lädt deine Rute und ist somit entscheidend über Erfolg und Misserfolg. 
Die Runningline ist dünn und level, also unverjüngt. Sie schiesst mit nach vorne. Einfluss auf den Wurf hat sie ausser der Reibungskraft und Windanfälligkeit eher wenig. Achte beim Kauf darauf, dass die Runningline angenehm in deinen Fingern liegt. Schliesslich strippst du sie hunderte male wieder ein.

Fischen mit köpfchen

Der Kopf besteht aus dem Front Taper, dem Belly und dem Rear Taper. Meines Erachtens ist das Front Taper, also die vordere Verjüngung nach dem Belly, der wichtigste Teil des Kopfes.
Wie vorher schon erwähnt, gibt es grosse und kleine Fliegen. Eine kleine Mücke verlangt ein langes Front Taper und ein feines Vorfach. Sie muss delikat presentiert werden. Eine Hechtfliege braucht Wucht und Power, somit ein kurzes Front Taper. Die Hersteller vereinfachen dir das mit folgenden Begriffen:

  • Presentation Taper = Langes Front Taper = feine, delikate Präsentation = 6-8 ft.
  • Power Taper = kurzes Front Taper = kräftige Keule für grosse Fliegen = 
  • High Performance = übergewichtige Schnur = Bessere Ladung schneller Ruten für weite Würfe


Nun kennen wir das Front Taper genügend gut. Wichtig ist jedoch auch die Länge des gesamten Kopfes. Und ja, meine Herren, hier kommt es wohl auf die Länge an! Merke dir: je grösser der Bauch, je länger der Kopf, umso länger der....WURF.  Sogenannte "long Distance" Schnüre sind nichts für das Quellwasserbächlein in den Schweizer Alpen. Du kannst deine Rute mit solch einem Langen Kopf schlicht zu wenig laden. Am See bringt solch ein langer Kopf (50-60 ft. inkl. 15ft. Front Taper) jedoch Stabilität in der Luft bei weiten Würfen.

Komm auf den Punkt!

Wer in diesem Artikel eine Schnurempfehlung erwartet hat, wird hiermit offiziell enttäuscht. Es ist schlicht unmöglich, sämtliche Taper für alle Situationen aufzulisten. Gerne helfe ich dir jedoch weiter, wenn du mir dein Gewässer und die Ausgangslage kurz schilderst.
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Tight Lines und viel Spass beim Wedeln!


skeena